Oliver Classen

ein Interview über die Kunst und das Leben

Achim:    Hallo Oliver! Ich freue mich sehr, dass ich heute hier bei dir im Atelier in der alten Gasmotorenfabrik in Köln-Mülheim sein darf. Letztes Jahr war ich bereits schon einmal hier zu Gast während deiner Gemeinschaftsausstellung MOL & A und verliebte mich auch gleich in dieses Atelier. Hier wird richtig „gearbeitet“ und auch wenn man zum dritten oder vierten Mal durch die Räume geht, entdeckt man immer etwas neues. Ein Sammelsurium an verschiedenen Kunstwerken, von „kraftvoll grob“ bis hin zur „Liebe zum Detail“. Wie würdest du selbst deine Kunst beschreiben ? Wo liegen deine Schwerpunkte?

Oliver:    Ich habe bisher noch keinen wirklichen Schwerpunkt gelegt, ich arbeite sehr gerne mit Beton, mit Leinwand und Farbe, mit Materialien und Werkstoffen, die nicht so richtig „üblich“ sind

Achim:     …wie zum Beispiel den Schraubenschlüssel, den du in New York findest und mit nach Hause schleppst, oder verrostete Nägel, welche auf der Baustelle liegen …

Oliver:      … genau. Dinge, die mir als künstlerisch verdächtig erscheinen und an denen wohl die meisten Menschen einfach vorbeilaufen bzw. denken, dass diese Dinge in den Müll gehören. Ich finde es dann richtig spannend, daraus etwas zu verarbeiten.

Achim:    Nehmen wir doch mal hier diesen „zerfließenden“ Dom auf der golden Pommes-Schale mit dem Titel „Zerfall der katholischen Kirche“…

Oliver:     … da war im Belgischen Viertel Sperrmüll und diese goldenen Pommes-Schalen steckten zwischen einem Haufen anderem Zeug und ich fand sie einfach Knaller und dachte mir, Mensch, die kannst du verarbeiten …

Achim:     … und diese großen „Leinwände“ …

Oliver:      … sind alte Hängeregister, welche zum Lagern von Bauplänen dienten. Der Hintergrund ist einfach braunes Papier. Und eines meiner Lieblingsmotive ist dieser Raster-Print, den ich wirklich oft herstelle und der für viele Leute ein Stück weit langweilig wirkt, aber ich finde ihn extrem spannend, denn wenn man genauer hinschaut, bildet er wahnsinnig viele Facetten ab. Auf den ersten Blick wirkt jedes Raster gleich, aber genau das Gegenteil ist der Fall, sie sind alle anders. Und man entdeckt immer wieder neue, spannende Details. Das ist genau das, was die Käufer darin auch sehen!

Achim:      Du hast ein solches Bild bei dir im Wohnzimmer hängen und ich muss zugeben, das sieht großartig aus. Ähnliche Effekte mit Rastern, aber in verzerrter und verschwimmender Art machst du auch digital … ich sehe z. B. auf deinem Instagram Account „the_oc_artproject“ öfters mal …

Oliver:      Ahhh, du meinst das „Glitchen“. Glitchen ist super. Ich verfremde damit Alltagsgegenstände und durch das Glitchen entstehen Zufallsprodukte, die tierisch Spaß machen und man kann Stunden damit vor dem Rechner verbringen. Es gibt Künstler, die sich nur damit auseinandersetzen, für mich ist es allerdings nur „Spaß“ und ich plane nicht, diese digitale Kunst beispielsweise auf Papier zu bringen.

Achim:      Apropos digitale Kunst. Viele Menschen sitzen heutzutage gefühlt mindestens 10 Stunden vor dem Bildschirm, sei es der Computer, das Handy oder das TV. Wird dann „Gegenstands-Kunst“ nicht noch wichtiger? Ist es nicht etwas schönes, wenn man „greifbare“ Kunst in seiner Wohnung stehen hat, im Museum oder im öffentlichen Raum?

Oliver:       Die Frage ist doch, was verstehen Leute denn unter Kunst? Wenn jemand für Kunst wenig Gespür hat, dann findet er vielleicht auch schon eine Mohnblume von OBI ganz geil. Wenn aber jemand wirklich sagt, ich will ein Unikat haben, was kein anderer hat, tendiert er schon eher zu Dingen, die ich gestalte. Ein anderer wiederum möchte vielleicht ein schönes Bild haben, der kann mit einer Fotografie ganz glücklich werden …

Achim:        … welche im Grunde auch wieder reproduzierbar ist. Ich habe ja mit Kai die Ausstellungsreihe ppairs.cologne im letzten Sommer ins Leben gerufen, in welcher wir gezielt zwei Kopien einer Fotografie für einen limitierten Zeitraum auf die Reise schicken. Deine Werke würden sich eher nicht dazu eignen auf eine ppairs Reise geschickt zu werden?!

Oliver:        Meine Werke sind tatsächlich alles Unikate. Natürlich kann ich durch Formen und einem Werkstoff wie Beton identische Muster erzeugen, aber die Weiterverarbeitung ist so „einzigartig“, dass die Kunstwerke nie gleich sein werden. Wenn ich bei Euch mitmachen sollte, müsste ich mir echt Gedanken bezüglich einer Umsetzung machen. Ich fotografiere ja auch gerne und viel – vielleicht ließe sich da was machen …

Achim:      Du hattest letztens deine Interpretation von Joseph Beuys‘ „Fat Chair“ auf Instagram gepostet. Natürlich aus Beton. Beuys war ja auch jemand, der sehr viele Arten der Kunst gelebt hat und vom Bildhauer, Maler und Aktionskünstler fast alles durchlebt hat. Ist Beuys ein Vorbild für dich?

Oliver:     Nein, Beuys war eigentlich kein Vorbild für mich. Ich habe eher versucht Beuys zu verstehen. Wie für viele andere Menschen auch war Beuys für mich immer Filz und Fett. Ich habe dann irgendwann angefangen, mich näher mit ihm zu beschäftigen und war überrascht wie Beuys als Künstler und Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf das Thema Kunst, Ökonomie, Menschen und Tiere in den Vordergrund gerückt hat, wie er das Thema Geld und die Dummheit der Menschen versucht hat auf den Punkt zu bringen, weil er halt sagte, dass der normale Bürger nicht in der Lage ist zu verstehen, was um ihn herum passiert. Politische Themen, wirtschaftliche Themen … man wird dumm verkauft …

Achim:        … er hat aber auch gesagt „jeder Mensch ist ein Künstler“ …

Oliver:         … genau, es gibt in jedem Mensch, egal wie, ein gewisses Potential – sagt Beuys. Egal wie dumm auf einem Gebiet, kann er etwas bestimmt ganz gut auf einem anderen. Schon vor 30, 40 Jahren hat Beuys bemängelt, dass der Bürger durch den Staat, durch die Medien dumm gehalten wird, sei es durch Entertainment, Unterhaltung … durch das Fernsehen …

Achim:        … die 3 Programme, die es damals gab, sind doch heutzutage eher eine Rettungsinsel zu dem, was da an hunderten privaten Sendern hinzugekommen ist. Was würde er dazu sagen?

Oliver:        … ich glaube Beuys würde sich bestätigt fühlen. Die Dauerbeschallung hat noch zugenommen und jeder kann sich mittlerweile ganz bequem das raussuchen, was er gerade konsumieren möchte. Er muss überhaupt nicht mehr nachdenken. Brot und Spiele sind heute Hartz IV, Fernsehen und WhatsApp.

Achim:        Soll, darf, muss Kunst politisch sein?

Oliver:         Kunst darf politisch sein und ich finde es auch toll, wenn Leute Kunst schaffen, die politisch ist, aber meine Kunst ist eigentlich nicht politisch. Ich möchte, dass meine Kunst den Geist beruhigt, einen Ausgleich schafft …

 

Ich möchte, dass meine Kunst den Geist beruhigt, einen Ausgleich schafft.

Oliver Classen
Künstler

 

Achim:      Aber du bist ein politischer Mensch?!

Oliver:       Ich mache mir Gedanken über die Umwelt, über das Miteinander und Zwischenmenschliche und ich mache mir sehr viele Gedanken über die Entwicklung von Menschen, vor allem von Kindern. Klar, ich habe ja selbst zwei Kinder. Aber über politische Themen rege ich mich eher auf. Das finde ich schwierig bis albern. Ich glaube, dass sehr viele Selbstdarsteller in der Politik rumlaufen und viele die Marionetten der Industrie sind.

Achim:       Weg von der Politik nochmals rein in dein Atelier. Ich finde es großartig, wie man hier in jeder Ecke, zwischen jedem Winkel immer wieder etwas neues findet. Man kann hier stundenlang durch die Räume laufen und sich satt sehen.

Oliver:        Also selbst ich entdecke hier immer wieder neue Dinge, die ich irgendwann einmal aufgehängt habe und einfach nur schön oder interessant finde. Dann bin ich oft auch überrascht und finde Dinge, die ich einmal angefangen habe, aber nicht beendet habe und komme auf neue Ideen. Ich freue mich halt eben ganz oft über die Dinge an sich.

Achim:      Ist ein ganz toller Rückzugsort hier …

Oliver:      Absolut. Schade, dass das Gebäude bald abgerissen wird. Aber der Investor bietet uns – leider nicht zum selben Mietzins – Flächen nebenan zwischen dem Kunstwerk und Gebäude 9 an. Unser Versuch, dieses Gebäude hier zu kaufen und als Genossenschaft zu betreiben ist leider gescheitert. Im Zuge der mehrfachen Eigentümerwechsel ist diese Möglichkeit leider unter die Räder gekommen. Also genießen wir die Zeit, bis der Bagger kommt !

Achim:     Oliver, vielen Dank für das Interview und den schönen Abend!


Falls dieses Interview Euch neugierig gemacht hat, könnt Ihr Oliver wie folgt erreichen:


Zum Abschluss gibt es noch ein paar Fotos, welche ich vor, während und nach dem Interview im Atelier schießen konnte: